Ein Weg durch die Geschichte


Fenster in Güntersleben


Güntersleben tritt mit der ersten urkundlichen Erwähnung 1113 in das Licht der Geschichte. Tatsächlich dürfte der Ort wesentlich älter sein. Ortschaften mit dem Namensbestandteil  „-leben“ gelten als Ansiedlungen der Thüringer, die im 5. bis 6. Jahrhundert n. Chr. ihr Herrschaftsgebiet von ihrem Zentrum Erfurt aus bis in unsere Gegend nach Süden ausgedehnt haben.

 
Die Zeugnisse über die geschichtliche Entwicklung Günterslebens sind spärlich. Im Jahre 1345 wird der bisherige Filialort von Veitshöchheim zu einer selbständigen Pfarrei erhoben. In der entsprechenden Urkunde wird bereits St. Maternus als einer der Kirchenpatrone genannt. Dies ist bemerkenswert, weil Maternus, der erste nachgewiesene Bischof und einer der Stadtheiligen von Köln, in unserer Gegend sonst unbekannt ist. Wie die Kunde über ihn gerade nach Güntersleben kam, ist nicht überliefert. Güntersleben wurde dadurch, jedenfalls in der Folgezeit, zum Mittelpunkt einer zumindest vorübergehend recht bedeutenden Wallfahrt. Sie verhalf dem bis dahin unscheinbaren Ort wohl zu einer gewissen Blütezeit. So berichtet die Ratschronik der Stadt Würzburg von einem Wallgang „gen Gundersleben zu s. Matern“ am 15. September 1490 mit 2500 Pilgern – eine fast unvorstellbare Zahl für das kleine Dorf mit wenigen Hunderten Einwohnern.
 
Im Jahre 1510 wurde Güntersleben von einem verheerenden Brand heimgesucht. Wohl spätestens seit dieser Zeit verlagerte sich die Bebauung vom Dürrbach, der oft Überschwemmungen mit sich brachte, auf den westlich ansteigenden Hang zur Kirche hinauf. 1611 war ein weiteres Unglücksjahr für das Dorf. Die Pest raffte 141 Menschen und damit mehr als ein Viertel der Bewohner dahin.
 
Das Jahr 1802 brachte für Güntersleben, das inzwischen knapp 700 Bewohner zählte, einen entscheidenden Einschnitt. Im Zuge der Säkularisation wurde das Benediktinerkloster St. Stephan in Würzburg aufgelöst. Es hatte seit Gründung der Pfarrei die Pfarrstelle versorgt und dafür das Zehntrecht in Güntersleben. Damit endete das rund 700-jährige Wirken des Klosters in Güntersleben, das die Entwicklung des Dorfes wesentlich beeinflusst hat.
 
Von den Zeugnissen, die an Günterslebens Vergangenheit erinnern, ist zuerst die Kirche zu nennen. Viele Jahrhunderte haben an ihr gebaut. Die Untergeschosse des Kirchturms im romanischen Baustil dürften um 1200 entstanden sein. Aus der Zeit um 1400 ist neben dem Mittelportal mit den sehenswerten Bildmedaillons über der Türe vor allem der gotische Chorraum mit dem massiven Kreuzrippengewölbe erhalten. Die für eine Dorfkirche recht stattliche Anlage konnte kaum allein für die wenigen Einwohner bestimmt gewesen sein, sondern war wohl in erster Linie auf die Erfordernisse der damaligen Wallfahrt ausgerichtet worden. 1602 wurde der Kirchturm in der seinerzeit üblichen, nach Fürstbischof Julius Echter, benannten Bauform auf die heutige Höhe gebracht. Um 1750 wurde die Maternuskapelle angebaut. Aus dieser Zeit stammen auch die beiden wertvollen Barockaltäre in der Kirche, der eine von Johann Peter Wagner, der andere aus der Werkstatt von Auwera. 1902 wurde das Langhaus der Kirche weitgehend abgebrochen und in größerer Form neu erstellt. Mit einer letzten Erweiterung im Jahr 1953 erhielt die Kirche ihre endgültige Gestalt. Sie birgt in ihrem Innern neben ihrer weitgehend neugotischen Ausstattung aus den Anfängen dieses Jahrhunderts auch das älteste erhaltene Kunstwerk Günterslebens. Es ist die in Stein gehauene Figur der lächelnden Madonna mit dem lutschenden Kind aus der Zeit um 1370.
 
Um die Kirche gruppieren sich die ältesten Gebäude der Gemeinde, deren Entstehungszeit näher datiert werden kann. Das Torhaus, durch das man vom Dorf über die große Treppenanlage auf den Kirchplatz gelangt, wurde 1638 als Schulhaus und Wohnung für den Mesner und Lehrer gebaut. Von 1840 bis 1978 war es das Rathaus der Gemeinde. Nach einer Renovierung ist es heute das Heim der Arbeiterwohlfahrt. Das östlich angrenzende Pfarrhaus wurde 1688 durch das Kloster gebaut. Das heutige Kolpinghaus und Pfarrheim, das den Kirchplatz nach Westen abschließt, war seiner ursprünglichen Zweckbestimmung nach von 1838 bis 1951 das Schulhaus der Gemeinde.
 
Im Untergeschoss des Gebäudes links vom Aufgang zur Kirche befand sich bis etwa 1900 die Gemeindeschmiede. Das Gebäude darüber hatte die Gemeinde 1731 als ihr erstes Rathaus gebaut. Nachdem die Verwaltung 1840 in die frei gewordene alte Schule umgezogen war, ging das Haus zunächst in Privateigentum und später in Kirchenbesitz über. Seit dort gegen 1930 eine Wohnung für einen älteren Geistlichen eingerichtet war, trägt es im Volksmund auch den Namen „Frühmesnerhaus“.
Letzte Änderung: 17.02.2016 16:23 Uhr